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40 Jahre TelefonSeelsorge Karlsruhe

Altes TS-Werbeplakat

TelefonSeelsorge als Seismograph für (tabuisierte) Themen in der Gesellschaft

Bei den Vorbereitungen der Jubiläumsveranstaltungen war es für mich als neue Hauptamtliche in der Arbeit der TelefonSeelsorge spannend, Geschichten erzählt zu bekommen und nachzulesen und die Entwicklungen in den vier Jahrzehnten wahrzunehmen.

Eine Beobachtung dabei war, dass am Telefon oft Themen zur Sprache kamen, die zur jeweiligen Zeit gesellschaftlich noch tabuisiert waren:

Heute gibt es kaum einen Problembereich, der nicht schon in einer der zahlreichen Talkshows "behandelt" wurde und wird.

Aber weiterhin schlagen sich gesellschaftliche Bewegungen in dem, was Anrufende umtreibt in den Gesprächen am Telefon nieder.

Ich möchte hier drei Fragestellungen, die uns heute beschäftigen, benennen.

Emotionale Verlassenheit von Kindern und Jugendlichen

Auf der einen Seite erleben wir eine Flut von Kinder Scherz- und Testanrufen. Nicht selten spät in der Nacht- auch außerhalb von Ferienzeiten. Sie reichen von Veralberungen bis hin zu wohldurchdachten, konstruierten Geschichten "was wäre wenn.." Im Mai 2003 startete deshalb die Kampagne: "Du stehst auf der Leitung! Mach sie frei. Scherzanrufe blockieren. Hilf der TelefonSeelsorge Leben retten." Die bundesweite Arbeitsgruppe Öffentlichkeitsarbeit stellte dazu ein Materialpaket mit einem Radiospot, 2 Computerspielen und Postkartenmotiven zur Verfügung. Die Kampagne will Kindern und Jugendlichen das Kontaktangebot der TelefonSeelsorge vorstellen, aber auch darüber informieren, dass die TS eine Notrufeinrichtung und keine Talkline ist.

Auf der anderen Seite kam 2002/2003 jeder 7. ernsthafte Anruf von einer Person unter 20 Jahren. „Bitte legen Sie nicht auf, das ist kein Scherz“. Das bedeutet für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Telefon noch sensibler hin zu hören, um was es geht. Etwa 1.600 Gespräche jedes Jahr beinhalteten ernsthafte Themen: Mobbingsituationen in der Schule, Schwierigkeiten mit Eltern und Freunden, Suche nach Verständnis und Zuwendung, Schulden durch Handy und Klamotten...

Im Herbst 2004 werden wir uns diesem Themenbereich in einer Fortbildung für die Mitarbeitenden intensiver widmen.

Grenzen ziehen, im Bemühen um Profilierung unseres Angebots

„Die TelefonSeelsorge sieht sich als Angebot für jeden Menschen, aber nicht für jedes Anliegen in jeder Situation.“

Dies ist ein Zitat aus dem Konsenspapier „TelefonSeelsorge auf dem Weg in die Zukunft - Vergewisserung und Ausblick“. Es wurde auf der Hauptamtlichenkonferenz im Mai 2003 verabschiedet, nach einem zweijährigen Beratungs- und Selbstvergewisserungsprozess, an dem sich auch eine Gruppe von Ehrenamtlichen aus KA beteiligt hat. Das Konsenspapier reagiert damit auf verändertes Kommunikationsverhalten im Telefonkontakt: Im Vergleich zu den 60-er Jahren besitzt fast jede(r) ein Telefon, die Anrufe sind kostenfrei, die Nutzung des Mediums Telefon ist selbstverständlich und die Kommunikationsmedien erhalten zunehmend den Status von „Spielgefährten“. TelefonSeelsorge trifft als vermeintlich unbegrenztes Angebot für alles und alle auf eine Nachfrage, die von uns quantitativ und qualitativ als grenzenlos erlebt wird. Zum ersten Mal wurden deshalb Grenzen formuliert, um die Erreichbarkeit zu erhöhen und unser Gesprächsangebot zu profilieren. Das Umsetzen in die Praxis bleibt ein Thema in den Supervisionsgruppen und für Fortbildungen. Unsere Herbsttagung 03 hat diesen Selbstvergewisserungsprozess für unsere Arbeit in Karlsruhe aufgenommen und wird ihn weiterführen.

Veränderungen im Telefonkontakt und Gesprächsverhalten- vorsichtige Beobachtungen
  • Immer mehr Anruferinnen und Anrufer stellen sich gleich am Anfang eines Gesprächs mit Ihrer psychiatrischen Diagnose vor, viel psychologisches Wissen hat sich angesammelt, aber die Verzweiflung und die Frage nach dem Lebenssinn bleiben. Einschnitte in der psychosozialen Versorgung haben ihre Situation noch schwieriger gemacht: die Reduzierung des sozialpsychiatrischen Dienstes aufgrund der Sparmaßnahmen der Landesregierung und die Einstellung des nervenärztlichen Notfalldienstes im Bereich Karlsruhe. Wie wichtig kann da u.a. zwischendurch ein entlastendes Gespräch mit der TelefonSeelsorge sein!
  • Viele Menschen äußern im Gespräch ihre große Unsicherheit, dem eigenen Gefühl zu trauen, ihrem „Herz“ zu folgen. Sie fühlen sich zusätzlich verunsichert durch die Menschen in ihrer Umgebung und deren "Ratschläge".
  • Bei anderen nehmen wir zunehmend den Wunsch nach schnellen, einfachen und schmerzlosen Lösungen für ein Problem wahr. Medien, gesellschaftliche Entwicklungen gaukelten es vor: Alles ist angeblich machbar, für alles gibt es eine Lösung. Das wirkt auch in den individuellen Lebensbereich hinein. Krisenhafte Situationen können manchmal noch weniger unter dem positiven Aspekt eigener Veränderungsmöglichkeiten und persönlichen Wachstums wahrgenommen werden. So erleben wir in Gesprächen häufiger, dass doch wir die Verantwortung für die Anrufenden übernehmen sollen.

Bernardin Schellenberger hat diese Angst von Menschen in einem Text eindrücklich formuliert, den wir deshalb hier abdrucken.

TelefonSeelsorge Karlsruhe
Diese Seite wurde zuletzt am 30. Januar 2006 aktualisiert.