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40 Jahre TelefonSeelsorge Karlsruhe

Bernardin Schellenberger:
Warum habt ihr solche Angst?

Als Sechzehnjähriger unternahm ich mit einem gleichaltrigen Freund von Stuttgart aus eine vierwöchige Radtour nach Italien: über Südtirol nach Venedig, über den Gotthard-Pass und die Schweiz zurück. Das war im August 1960. Telefon hatten wir daheim noch nicht. Postkarten wären erst nach uns angekommen. Folglich hörten und sahen unsere Familien während dieser vier Wochen nichts von uns. Große Sorgen machten sie sich nicht.

Das ist heute, mehr als vierzig Jahre danach, unvorstellbar. Wer verreist und nicht spätestens am zweiten Tag daheim an ruft, gilt fast als vermisst:" Da muss etwas passiert sein!" Wenn ich Gäste in ein abgelegenes Bergquartier mitnehme, wo das Handy kein Netz findet, müssen diese spätestens am dritten Tag ins nächste Dorf absteigen und von dort aus daheim anrufen, wie es den Kindern geht. Es könnte ja etwas passiert sein. Die Kinder sind womöglich sechsundzwanzig und dreiundzwanzig Jahre alt.

Eigenartig: Das handliche Handy, das es erlaubt, von überall aus jederzeit jeden anrufen zu können und umgekehrt überall jederzeit für jeden erreichbar zu sein, hat nicht ein Klima großen Vertrauens und beruhigender Sicherheit geschaffen, sondern die Menschen eher unsicher werden lassen. Oder vielleicht eher umgekehrt: Im Maß, in dem Vertrauen und Sicherheit schwinden, wächst das Bedürfnis nach ständiger Kommunikation, nach der ausdrücklichen Versicherung, alles sei noch in Ordnung und man sei nicht abhängig. Das erinnert an das laute Singen im Finstern. Die vielen Worte beschwichtigen, beruhigen. Man redet sich ein: Ich habe keine Angst - und weiß doch, dass man sie hat. Sonst würde man nicht singen. Oder schon wieder anrufen.

Dieses Phänomen, dass die Menschen dazu neigen, zu rasch, zu häufig anzurufen, wird bereits in den Evangelien kritisch erörtert.

Markus schildert im vierten Kapitel, wie Jesus mit seinen Jüngern in einem Boot "ans andere Ufer hinüber" fährt... "Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm, und die Wellen schlugen in das Boot"...Jesus "aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief." Das ist die undramatische, selbstverständliche, schweigende Anwesenheit, der Grund zum Vertrauen für den, der sie wahrnimmt und sich ihrer gar nicht ständig redend zu versichern braucht.

Aber die Jünger haben Angst. Darum müssen sie ihn anrufen: "Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?" Der Unterton ist deutlich heraus zu hören: Du lässt uns gewaltig im Stich.

In Wirklichkeit verkörpert er, der sogar mitten im Sturm schlafen kann, jenes Vertrauen, das ihnen fehlt (...) Sein Anblick hätte die Jünger beruhigen können, aber er erscheint ihnen eher als Ausdruck der Verantwortungslosigkeit.

Der Angerufene steht auf und bringt den Sturm zum Schweigen. Dann aber tadelt er ausdrücklich diese vorschnelle Anruferei: "Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben ?" In der Fassung der Geschichte bei Lukas fragt er sogar noch pointierter: "Wo ist euer Glaube?"(8,25).

Es scheint ein Zeitalter heraufzuziehen, in dem fast niemand mehr lange allein sein kann. Wer irgendwo eine Viertelstunde lang warten muss, greift zum Handy und schaut wenigstens nach einer SMS oder verschickt eine. Bei der geringsten Unlust darüber, gerade niemanden um sich zu haben, ruft man jemanden an. Wo aber die Menschen nie mehr längere Zeit allein sein und Unlust, ja sogar ein Stück weit Krisen allein aushalten können, verkümmern bei ihnen wichtige, wesentliche Dimensionen der Erfahrung. Sie werden wie Kinder, die Mama oder Papa immer auf Rufweite bei sich haben müssen, um keine Angst zu bekommen. Bei Kindern ist das normal. Erwachsenen, die ständig nach der Nabelschnur greifen, kann nie dämmern, dass sie vielleicht etwas oder ein Anderer hält, wenn sie sie loslassen.

Dieses Loslassen wäre der Glaube, nach dem Jesus seine ängstlichen Jünger fragt. Was hätten die Jünger wohl erfahren, wenn sieden im Sturm Schlafenden nicht geweckt und angerufen hätten? Entweder hätten sie erlebt, dass das Boot auch im stärksten Sturm nicht untergeht, solange er bei ihnen ist und sie auf seine Gegenwart vertrauen. Das wäre für sie eine intensive Glaubenserfahrung geworden, die sie für künftige Krisen gestärkt hätte. Oder sie wären mit ihm gemeinsam untergegangen und hätten zusammen mit ihm die Jona-Erfahrung bestanden, vom Ungeheuer verschlungen und " nach drei Tagen" ans andere Ufer gespuckt zu werden. Aber dieser Erfahrung musste Jesus sich später allein stellen, weil sie alle geflohen waren.

In beiden Fällen wäre ihnen eine echte Neugeburt widerfahren. Aber sie rufen vorher an und brechen ausgerechnet jene Erfahrung ab, die die grundlegende und allgemeine für alle Menschen bleibt. Denn dass mitten in der Krise einer angerufen werden kann, unverzüglich aufsteht und die Krise mit einer herrschenden Geste abbricht, ist die Ausnahme.

Wer allerdings in seinem Boot niemanden mehr - wenn auch schlummernd, schweigend, verborgen - anwesend spürt, wird wohl überfordert sein, Stürme erst einmal eine gute Zeit lang allein durchzustehen. Und ruft dann natürlich unverzüglich irgendwen an.

Aus der Wochenzeitschrift Christ in der Gegenwart Nr.25, 22.6.2003. abgedruckt in Auf Draht Nr. 53/2003, S. 33 f

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Diese Seite wurde zuletzt am 30. Januar 2006 aktualisiert.