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40 Jahre TelefonSeelsorge Karlsruhe

Altes TS-Werbeplakat

40 Jahre Telefonseelsorge Karlsruhe im psychosozialen Netz der Stadt

(Drehbuchtext eines szenischen Rückblicks, aufgeführt beim Festakt "40 Jahre TelefonSeelsorge Karlsruhe")

1958: Die Gründungsidee

Ein Vikar wird beim Evang. Gemeindedienst eingearbeitet - voller Tatendrang hält er Ausschau nach neuen Projekten und Arbeitsformen. Er hat das Ohr am Puls der Zeit.

Sein Name: Gerhard Leiser

Seine Idee: Karlsruhe soll eine TelefonSeelsorge erhalten.

In London war bereits 1953 das erste Notruftelefon für Suizidgefährdete entstanden. Ein anglikanischer Pfarrer setzte folgende Anzeige in die Zeitung:

"Before you commit suicide ring me up".

1962: Die Vorbereitungsphase

Der Telefonanschluß wird beantragt, Ehrenamtliche werden ausgewählt, 60 an der Zahl:
„Freiwillig konnte man sich nicht melden", schreibt Pfarrer Leiser, "Sozialarbeiter und Pfarrer aller Konfessionen sollten Vorschläge machen.“

Im September laufen Vorbereitungsabende für die Mitarbeitenden an. Mitverantwortlich für die Schulung ist Dr. Gerhard Dieckmann, Arzt für Allgemeinmedizin und Psychotherapie.

1. Dezember 1962, 12.30 Uhr: Der Start

Ein neuer Knoten im psychosozialen Netz war entstanden- hochmodern , Arbeit per Telefon. Die erste Schicht beginnt.

Und welche Knoten gab es sonst um uns herum? Den Evang. Gemeindedienst (gegründet 1923 als Evang. Jugend- und Wohlfahrtsdienst), den Caritasverband (gegründet 1917) und die Arbeiterwohlfahrt (gegründet 1919).

Das Blaue Kreuz, die Anonymen Alkoholiker und die Suchtkrankenfürsorge für Stadt und Landkreis (seit 1953, heute BLV).

Und die Erziehungsberatung, schon 35 Jahre alt, die Vertrauensstelle für Verlobte und Eheleute seit 9 Jahren (heute: Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle) und die Familienfürsorge.

Die 60-iger

Die TelefonSeelsorge etabliert sich. Nach einem Jahr zog man Bilanz und stellte fest, dass es jeden Tag 2 - 3 Anrufe gegeben hatte. Damit war die Karlsruher Stelle gut angekommen; man rechnete damals mit einem Anruf je 1000 000 Einwohner am Tag. Innerhalb der ersten 7 Jahre verdoppelten sich die Anrufzahlen von ca. 1.100 auf 2.223.

Gespräche 1962 - 1970:
Dez. 1962182
1963 1101
1966 1186
1969 1808
1970 2223

Gesellschaftlich ist mächtig was los:
Mauerbau, Vietnam- Krieg, Schahbesuch, 68-iger.

Die 70-iger

Die TelefonSeelsorge erhält 1975 zum ersten Mal eine hauptamtliche Fachkraft , eine Pfarrvikarin/ Dipl. Psychologin. Ein ausgefeiltes Aus- und Fortbildungssystem für Ehrenamtliche entsteht. Die Seelsorge öffnet sich für die Erkenntnisse der Humanwissenschaften. Die Ideen von Freud, Jung und Rogers, von Transaktionsanalyse und Gruppendynamik bewegen TS-Köpfe und Herzen.

Die Psychiatrie-Enquete setzt sich für eine bessere Versorgung psychisch Kranker ein.

Das psychosoziale Netz bekommt eine Reihe neuer Knoten. Neue Stellen entstehen wie z.B. Pro Familia 1971

Die 80-iger

Immer mehr Menschen haben ihren eigenen Telefonanschluß und nutzen das Gesprächsangebot der TelefonSeelsorge: Zwischen 1970 und 1980 verfünffachen sich die Gesprächszahlen. Pro Jahr werden jetzt über 10.000 Gespräche geführt.

Die TelefonSeelsorge wertet ihre Erfahrungen als Erstanlaufstelle aus und stößt auf Lücken im psychosozialen Netz. Geschäftsführerin Gisela Konrad-Vöhringer engagiert sich beim Aufbau des Karlsruher Frauenhauses. Eine Gruppe Ehrenamtlicher erarbeitet und erprobt zusammen mit dem Leiter Heiko Heck ein Konzept für die persönliche Begleitung von suizidgefährdeten Menschen - die Idee für den Arbeitskreis Leben (AKL) wird geboren. In enger Anlehnung an die TelefonSeelsorge eröffnen die beiden Kirchen die „Brücke“, eine zweite Anlaufstelle in Krisensituationen. In der Öffentlichkeit wird erstmals sexuelle Gewalt gegenüber Frauen und Kindern öffentlich thematisiert, Wildwasser wird gegründet.

Die 90-iger

Die TelefonSeelsorge wird als wichtiger Knoten im psychosozialen Netz bundesweit anerkannt. Die deutsche Telekom und die TelefonSeelsorge schließen einen Vertrag: Es gibt eine bundeseinheitliche Sonderrufnummer; die einzelnen Stellen sind zu einem flächendeckenden Netz zusammen geschlossen; die Telekom berechnet den Anrufenden keine Gesprächsgebühren mehr.

In der 2. Hälfte der 90-er geht's rund: die Handys kommen.

Und eine neue Anrufergruppe erobert die TS: Kinder und Jugendliche rufen in großem Stil die TelefonSeelsorge an, oft aus Jux und Dollerei, manchmal aber auch mit großen Problemen.

Bei der Telefonseelsorge explodieren die Anrufszahlen in nicht gekanntem Ausmaß. An manchen Tagen klingelt bis zu 240 Mal das Telefon. Neue Möglichkeiten werden erprobt, um Scherzanrufe einzudämmen.

Am Beginn des neuen Jahrhunderts:

Die Anrufzahlen sind weiter hoch. Der TS- Knoten ist äußerst gefragt

Aber: Dem psychosozialen Netz werden erste Knoten genommen, aus den uns allen bekannten finanziellen Gründen. Die Verbleibenden werden gut zusammenhalten müssen.

TelefonSeelsorge Karlsruhe
Diese Seite wurde zuletzt am 30. Januar 2006 aktualisiert.