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TelefonSeelsorge
Karlsruhe |
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Ein Rückblick auf drei Jahrzehnte Mitarbeit bei der TelefonSeelsorge
Mit einem früheren Mitarbeiter sprach Irene Kutzer
I.K.: Die TelefonSeelsorge Karlsruhe wurde 1962 gegründet. Sie waren von Anfang an dabei. Wie kam es dazu?
H. B.: Nicht aus eigenem Antrieb. Unser Gemeindepfarrer sprach mich an. Ich habe mich zuerst geziert. Ich komme von der naturwissenschaftlichen Seite, habe Elektrotechnik studiert. Ich hatte Schwierigkeiten mir vorzustellen, als TelefonSeelsorger zu arbeiten. Wenn ich dann doch ja gesagt habe, widerstrebend zwar, dann habe ich mir - vielleicht auch unbewusst - einen Ausgleich erhofft.
I.K.: Wie wurden Sie auf Ihre neue Aufgabe vorbereitet? Gab es damals schon eine Ausbildung?
H. B.: Ja, aber sie war ganz anders als heute. Selbsterfahrung z. B. fehlte völlig, in erster Linie wurden Informationen übermittelt: Einer sprach, die anderen hörten zu. TelefonSeelsorger wurden auch angehalten, Glaubensinhalte zu vermitteln, zu missionieren sozusagen. Natürlich nicht aufdringlich.
I.K.: Wie sah das in der Praxis aus?
H. B.: Ich wartete auf schwierige Fragen und wollte darauf antworten. Aber weit gefehlt. Die Überraschung war, dass die meisten Menschen über ihren Alltag reden wollten. Meine Aufgabe war es, zuzuhören, die Menschen auszuhalten, was nicht immer leicht war. Auf das Missionieren habe ich schließlich völlig verzichtet. Seelsorge dagegen spielte für mich immer eine große Rolle. Das heißt, geduldig hinhören, mich in den Anrufer einfühlen, ihn ernst nehmen, Vorurteile vermeiden.
I.K.: Sie können mindestens 30 Jahre TelefonSeelsorge überblicken. Haben sich die Anrufer in dieser Zeit verändert?
H. B.: Ja, z. B. was die Anspruchshaltung anbelangt. In der ersten Zeit waren die Anrufer bescheidener. Später kamen öfter Sätze wie: Wenn ein Gespräch beendet wird, das bestimme ich. Oder: Es ist doch Ihre Pflicht, mir zuzuhören. Außerdem haben sexuelle Probleme zunehmend eine Rolle gespielt. Sogenannte Verbalerotiker etwa haben zunehmend versucht, die TelefonSeelsorge für die Darstellung ihrer sexuellen Phantasien zu benutzen. Verschärft in diesen Jahrzehnten hat sich auch das Problem der Einsamkeit.
I.K.: Haben Sie sich in diesen drei Jahrzehnten TelefonSeelsorge-arbeit selbst verändert?
H. B.: Diese Frage sollte man vielleicht eher meiner Umgebung stellen. Aber ich denke schon, dass ich mich verändert habe. Als Naturwissenschaftler war ich ganz auf objektive Tatsachen erpicht, nur auf das, was messbar ist. In dieser Denkweise bin ich unsicher geworden. Heute lasse ich auch mal meine Fantasie mitspielen, mein Gefühl. Vielleicht bin ich auch etwas sensibler geworden für Stimmen. Die Stimme lässt sich nur schwer verstellen. Ich erinnere mich an manchen Nachtdienst, da habe ich die Schreibtischlampe gelöscht, um mich ganz auf die Stimme des Anrufers konzentrieren zu können. Und ich denke, das ist dem Gespräch gut bekommen.
I.K.: In der TelefonSeelsorge sind die Mitarbeiter auch strengen Regeln unterworfen, z. B. ist der direkte Kontakt zum Anrufer tabu. Gab es da mal Konflikte?
H. B.: Ja, es war ziemlich am Anfang meiner Tätigkeit, da erhielt ich einen Anruf von der Bahnhofsmission. Dort war ein Mensch abgeliefert worden, der sich im Beiertheimer Wäldchen das Leben nehmen wollte. Ein Student hatte ihn beobachtet, als er sich erhängen wollte. Er konnte ihn davon abgehalten und hat ihn zur Bahnhofsmission gebracht. Die Bahnhofsmission durfte damals Männer nicht übernachten lassen. Dann haben die bei mir im Nachtdienst angerufen, was zu tun sei. Ich wusste es auch nicht. Dann sagten sie, sie würden ihn wieder wegschicken. Aber dann wäre ja zu vermuten gewesen, dass er sein Vorhaben doch noch durchführt. Entgegen allen Anweisungen habe ich das Telefon verlassen und den jungen Mann zu mir in den Dienstraum geholt. Zum Glück gab es damals weniger Anrufe als heute und in jener Nacht gar keinen. So konnte mir der junge Mann in aller Ausführlichkeit sein Leben darstellen. Es hatte sich herausgestellt, dass er aus dem Rheinland kam, auf der Hochzeitsreise war, wo vieles schiefgelaufen war. Nachdem er dann ein paar Stunden geschlafen hatte, gab ich ihm morgens noch etwas Geld mit auf den Weg. Übrigens hat er sich einige Zeit später beim damaligen Leiter der Telefonseelsorge wieder gemeldet, das Geld zurückgebracht und sich für alles bedankt.
I.K.: Bei voller beruflicher Belastung über 30 Jahre TelefonSeelsorgearbeit leisten - das kostet Kraft und viel Zeit. Wie beurteilen Sie das heute?
H. B.: Ich habe sehr viel profitiert. Durch die Gespräche, durch Fortbildungsangebote wie Tagungen, Vorträge und Fallbesprechungen. Ganz besonders auch von den Kolleginnen und Kollegen. Ich war immer dankbar für die Offenheit, auch für Kritik. Das konnte schmerzlich verlaufen, da wurde ich manchmal massiv aufmerksam gemacht auf irgendwelche Eigenheiten. Das war nicht immer leicht zu schlucken. Aber mir wurde auch viel Mut gemacht. Ich bin kritischer gegen mich selbst geworden, ich kann mich selbst besser einschätzen. Keine Minute habe ich bereut, da mitgemacht zu haben.
I.K.: Vielen Dank für das Gespräch.
Unter den 69 Ehrenamtlichen der TelefonSeelsorge Karlsruhe sind folgende Berufe
vertreten:
Anwaltsgehilfin, Architekt, Arztsekretärin, Auslandskorrespondentin,
Bahnbeamter/in, Bankkauffrau, Buchhalterin, Dipl. Bankkaufmann,
Dipl. Informatiker, Dipl. Ingenieur, Dipl. Mathematikerin, Dipl. Physiker,
Erzieherin, Fremdsprachensekretärin, Gestaltberaterin, Grund- und
Hauptschul-Lehrer/in, Gymnasiallehrerin, Lehrer/in in der Berufsausbildung,
Hauswirtschaftsleiterin, Heilpädagogin, Industriekauffrau, Journalistin,
Juristin, Kirchendienerin, Kosmetikerin, Krankenschwester,
Laborinstrumententechnikerin, Logotherapeutin, Marketingassistent/in,
Modellschneiderin, Pfarrerin, Postbeamtin, Religionslehrerin, Sekretärin,
Sozialarbeiterin, Übersetzerin, Versicherungsangestellte/r,
Verwaltungsangestellte/r, Weberin, wissenschaftliche Mitarbeiterin.
Im Erwerbsleben stehen derzeit 39 Ehrenamtliche, 13 sind Hausfrauen und 17 sind
im Ruhestand.